4

Your Story: Amra

Healthy Lifestyle, Your Story

Heute teilt Amra eine andere Sicht auf das Thema Bodyshaming mit uns. Sehr ehrlich und brutal; es tut mir leid, dass sie solche Erfahrungen machen musste. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie mir ihre Geschichte geschickt hat!

Falls ihr auch eure Abnehm-Story mit uns teilen wollt, schickt mir bitte einfach euren Bericht an blog(at)mangobluete.com und ich werde sie unbearbeitet hier veröffentlichen!

~~~

Hallo liebe Anna und alle anderen Mädels, die das lesen sollten!

Ich heiße Amra und auf überspitzt-dramatisch gesagt, repräsentiere ich die andere Seite „des Bösen“: Die Untergewichtigen. Hier meine Story:

Als Kind war ich normal gewichtig. Am liebsten futterte ich Sachen wie Schoki, Nudeln mit Ketchup und Fischstäbchen. Schulsport habe ich schon immer gehasst – meine Note in Sport war schlimmer als die in Mathe (und das will was heißen!) und bei der grundschulischen „Sommerolympiade“ war ich die einzige in der Klasse, die lediglich die Teilnehmerurkunde bekam. Doch das war mir egal. Ich machte mir null Gedanken weder über meine Figur, noch über die der anderen. Ich hatte viele Freunde und meine einzige Sorge war es keine neue Sailor Moon Folge zu verpassen.

Dann kam die Pubertät. Meine Essgewohnheiten änderten sich nicht wirklich (sprich blieb überwiegend ungesund), aber ich wurde ein bisschen pummeliger. Was mich überhaupt nicht störte (ich merkte es nicht einmal, dass ich „anders“ aussah), aber meine Mutter begann Panik zu schieben ich würde dick werden und „ordnete“ mir das Fahrradfahren an. Ich tat es. Einmal. Und ich glaube das war auch das letzte Mal, dass ich durch die Außenwelt geradelt bin, ist einfach nicht meins. Meine Mutter ließ mich zum Glück in Ruhe, aber ich glaube sie hatte in mir schon etwas ausgelöst, das mich bis vor kurzem verfolgte: Ich begann mich in meinem eigenen Körper unwohl zu fühlen.

Zu der Zeit war ich um die 1,65 m groß, hatte höchstens 53 kg und im Spiegel sah ich ein Walross umzingelt von Fett. Statt Bunny Tsukino wurde Kate Moss mein neues Vorbild. Ich begann Mahlzeiten auszulassen (irgendwann ging es so weit, dass ich den ganzen Tag lang nur einen Pfirsich aß und da meine Eltern viel arbeiteten bzw. nicht die Kontrolle über mein Essverhalten hatten, konnte ich sowas auch durchziehen), machte wie blöde jeden Tag irgendwelche Sportübungen „für Zuhause“, die ich in einer Teenie-Zeitschrift gefunden habe und versuchte auf Kommando zu kotzen. Doch Letzteres klappte nie egal wie tief ich mir die Zahnbürste in den Hals schob – was für ein Glück kann ich heute nur sagen.

Dann kam wieder meine Mutter, die mir wieder auf ihre „charmante“ Art mitteilte ich sei nun zu dünn und sehe so nicht gut aus. Zur selben Zeit meldeten sich auch in der Schule immer mehr Stimmen, die meinten ich sei magersüchtig oder die über meine Figur witzelten. Und was tat ich? Gehorchte natürlich wieder den Zwängen von außen und begann in mich fettiges Essen hineinzustopfen nur um wieder GUT auszusehen. Mit achtzehn war ich normal gewichtig, doch meine Psyche war mittlerweile schon so gekränkt und voller Komplexe, dass sie mir andere Sorgen bereitete wie: Nase zu groß, Zähne zu schief, zu viele Pickel, Po zu untrainiert, Haare zu dünn, usw., usw… Es gab nichts an meinem Körper, das ich mochte.

Ich begann zu studieren und zog dafür nach Österreich. In eine mir komplett fremde Stadt ohne einen einzigen Freund oder Bekannten und ohne Mamas Küche. So stieg ich von deftiger Hausmannskost zum „Tütenfraß“ um und ließ mich komplett vom Unistress okkupieren. Es wurde noch stressiger als ich nebenbei anfing in einer Bar zu arbeiten – ich arbeitete paar Tage die Woche von 18 Uhr bis „der letzte Gast geht“. Nun war ich auf der Uni einigermaßen gut und hatte auch genug Geld um mir schöne Schuhe und Klamotten zu kaufen, aber durch den ganzen Stress sackte mein Körper immer mehr ab – kein Wunder, ich kam auch nur dazu einmal am Tag zu essen und irgendwann hatte ich auch einfach keinen Hunger mehr auf mehr. Zwischendurch bekam ich vom Arzt auch die Diagnose ich leide an einer Fruktose- und Histaminunverträglichkeit und somit lebte ich lange Zeit nur von auserwählten Nahrungsmitteln (genauer gesagt waren es nur vier: Reis, Kartoffeln, Hirse und Blaubeeren).

Dann passierte etwas was mich für mein ganzes Leben prägte: Ich erfuhr, dass mein Freund mich betrogen hatte. Es haute mich so um, dass ich drei Tage lang (!) nichts essen konnte, nur am Heulen war und erst am vierten Tag von einer Freundin gezwungen wurde etwas zu essen und überhaupt wieder raus zu gehen. Nach einem Monat „vergab“ ich dem A**** und kam wieder mit ihm zusammen (ja, ich weiß, es war SEHR dumm von mir) und paar Monate später erfuhr ich, dass er mich wieder betrogen hatte… Life’s a bitch – das wurde mein Lebensmotto und die ganze Tortur ging wieder von vorne los.

Irgendwann war es wieder so weit, dass ich nach den ganzen Erlebnissen ein glückliches Leben zumindest faken konnte, aber innerlich war ich ein Wrack, was sich auch immer mehr nach außen manifestierte: Ich wog bei einer Größe von 1,70 m nur noch 45 Kilo.

Wahrscheinlich wäre ich auch dieses Mal von selbst nicht drauf gekommen, dass mit meinem Aussehen etwas nicht in Ordnung ist (ist ja nicht so, dass ich mit meiner psychischen Gesundheit nicht genug zu kämpfen hatte), aber „zum Glück“ hatte ich „Freunde“, die mich mit folgenden Sprüchen beglückten:

„Kaufst dir deine Klamotten in der Kinderabteilung?“

„Wie willst jemals einen Mann finden, du hast ja weder T*****, noch A****?“

„So dünn wie du bist, bist du keine richtige Frau.“

Alle lachten und wollten einfach nicht aufhören mit solchen Witzen und Sticheleien, meine Familie durchlöcherte mich jedes Mal mit Fragen wie „Wieso bist du so dünn?! Hast du schon mal deine Streichholzbeinchen gesehen?“ – und mir ging es immer schlechter. Es tat wirklich weh all das zu hören. Ich begann mit dem obsessiven Trainieren im Fitnessstudio an, sah auch die ersten Erfolge, aber die anderen anscheinend nicht, denn die Bemerkungen über meinen Körper hörten nicht auf.

Und wisst ihr was? Irgendwann kommt der Zeitpunkt in dem es in deinem Kopf „Klick“ macht und du einfach kein Bock mehr auf das ganze um dich herum hast. Du checkst, dass es IMMER Menschen geben wird, die versuchen werden dich runter zu machen – ganz egal was du tust und wie du aussiehst. Meistens sind das die, die selbst keine Victorias-Secret-Figur und/oder sonstige Probleme in ihrem Leben haben und in dir nur das Ventil sehen, in dem sie ihre eigene Frust und Komplexe auslassen können. Aber mit solch einer Negativität müssen wir nicht leben, also brach ich zu bestimmten Personen komplett den Kontakt ab (beste Entscheidung meines Lebens).

Ich verstand, dass ich mein Leben lang die dumme Marionette anderer Menschen spielte und sich dadurch mein Körper nur nach Lust und Laune dieser Menschen änderte, anstatt selbst zu entscheiden wie ich denn SELBST zu meinem Körper stehe und was ich dafür tun will. Und heute ist es so, dass ich meinen Körper und mich liebe so wir sind. Das klingt jetzt sehr einfach gesagt – ist es auch, aber ich habe viele Jahre gebraucht um zu dieser Erkenntnis zu kommen. (Es geht auch primär darum seinen eigenen „inneren Frieden“ zu finden, finde ich.)

Egal wie stressig mein Leben ist, meine oberste Priorität ist satt zu sein. Ich esse und koche überwiegend gesund, aber wenn ich auch mal Bock auf Schokolade habe, dann esse ich die bis meine Lust danach gestillt ist. Ich gehe ab und zu ins Fitnessstudio (und das weil es mir Spaß macht und das Gefühl danach unbeschreiblich gut ist und nicht wie früher damit ich anderen gefalle!), habe meine Liebe zu Yoga entdeckt und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung wie viel ich momentan wiege. Es interessiert mich auch nicht, denn die Hauptsache ist doch MIR gefällt mein eigenes Spiegelbild.

Meiner Meinung nach ist das wichtigste Respekt zu haben – vor dir selbst, aber vor jedem anderen Wesen auch. Ich würde nie aufgrund von Äußerlichkeiten über eine Person urteilen, geschweige denn sie auslachen. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass hinter jedem „zu dick“ oder „zu dünn“ eine Krankheit, Liebeskummer, Stress auf der Arbeit oder Problem XY stecken kann und wie weh es tut dann noch zusätzlich wegen der Figur verspottet zu werden. Und ehrlich gesagt, habe ich nie verstanden wieso manche dieses „Body Shaming“ nötig haben – fühlen sie sich dadurch besser, verdrängt es ihre eigenen Probleme? Keine Ahnung, ich weiß nur, dass ich solche erstens meide und zweitens bemitleide. Solange ich gesund bin und mich so auch fühle, lasse ich mir von niemandem mehr einreden mein Körper sei nicht schön.

Sorry, dass meine Story zu lang wurde – die Worte sind nur so aus mir rausgesprudelt. :D

Liebe Grüße und ich hoffe ihr konntet aus meiner Lebenserfahrung etwas für euch mitnehmen,

Amra

~~~

Comments 4

  1. Danke fürs Teilen deiner Geschichte. Wirklich beeindruckend, dass du es geschafft hast Frieden mit all dem zu schließen. Ich freue mich zu hören, dass es dir jetzt gut geht!

    Liebe Grüße

    Corinna

  2. Liebe Amra,
    vielen Dank für Deine Geschichte. Ich finde es sehr schön, daß Du Deine Selbstliebe wieder gefunden hast!
    Liebe Grüße, Charlotta

  3. Liebe Amra, vielen lieben Dank für deine ehrliche Geschichte. Sie hat mich sehr berührt und ich freue mich umso mehr, dass du DEINEN Weg gefunden hast und auch manche Menschen auf der Strecke hast liegen lassen, denn das gehört dazu – schlechtes “einfach” los lassen.
    Wünsche dir weiterhin viel Spaß in deinem Leben!
    LiebeGrüß Elena

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *