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Es gibt so viele gute Menschen!

Life, People

Vermehrt nehme ich wahr, dass das Bewusstsein für nachhaltiges und moralisches Handeln zunimmt. Viele wollen weniger Fleisch essen, sich sozial engagieren, die Umwelt schützen, usw., was an sich etwas Schönes ist. Was mich aber mehr und mehr stutzig macht ist, dass der Missionierungsdrang auch hier keinen halt macht.

Wir Menschen scheinen das Bedürfnis zu haben, andere Mitmenschen bekehren zu wollen. Weil man so überzeugt ist, „das Richtige“ zu tun, ist der Machiavellismus nicht weit. Schließlich setzt man sich für „das Gute“ ein und im Namen des Guten darf man fast alles. Wie wir aus der Geschichte wissen, verursachte dieser Tatendrang Tod und Leid. Der Kommunismus rechtfertigte seine außergewöhnlichen Maßnahmen immer für das größere Ganze zu kämpfen; es ist bzw. war die Intension, die Welt von Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu befreien. Die Konsequenzen des Handelnden sind, wie so oft, zweitrangig und genau das ist das Problem.

Wie Ihr wisst, habe ich mich schon früher mit Fast Fashion kritisch auseinandergesetzt (siehe hier, hier & hier), ich muss jetzt allerdings einräumen, dass ich die Konsequenzen damals nicht betrachtet habe.

Das Mädel, das in Bangladesh die Primark Klamotten näht, kriegt einen zugegebenermaßen sehr niedrigen Lohn. Jetzt sagen wir „Fast Fashion is doof, boykottiert diese Firmen!“. Was passiert im nächsten Schritt? Das Mädel kann zur Schule gehen, studieren und Anwältin werden? Wenn schon vorher das Geld für die Schule fehlte, wird sie ohne Arbeit nicht mal satt. Was hat sie dann für andere Möglichkeiten? Vielleicht liegt es an meinem mangelnden Optimismus, aber ich habe da keine rosigen Alternativen im Kopf.

Sollen wir also den Näherinnen in Bangladesh mehr Geld geben? Klingt gut, jedoch auch nicht zu Ende gedacht. Was ist mit den Näherinnen in Kambodscha, Äthiopien oder Kenia, die erst gar keine Arbeit haben?

Was ist so schlimm daran, wenn die einen bei Primark einkaufen und die anderen bei Hermès, die das traditionelle Handwerk am Leben erhalten?

Toleranz, Vielfalt und Offenheit ohne Polemik könnte helfen.

Mir ist wichtig, dass man nicht Unmengen an Sackerln aus Primark & Co. nach Hause schleppt und die Sachen nur paar mal trägt oder sie erst gar nicht anzieht und samt Etikett wegschmeisst. Das ist einfach respektlos (und ein Schlag ins Gesicht der Näherinnen). Auch das Kopieren der High Street Labels von High End Marken ist einfach nicht in Ordnung.

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Labli, 25, worked on the 2nd floor of Rana Plaza. She had her left leg amputated to free her from the rubble when she was rescued nearly 48 hours after the building collapsed.

© PA

Comments 11

  1. Liebe Anna, ein immer wieder spannendes Thema!

    Ich finde deinen Beitrag jedoch etwas zu kurz gedacht. Während es richtig ist, dass man beobachtet hat, das ein Verbot der Kinderarbeit in einigen Ländern dazu geführt hat, das eben diese Kinder in die Prostitution geschickt werden oder wie in deinem Beispiel einfach gar nichts mehr zu essen haben, kann Kinderarbeit auch keine wirkliche Alternative sein.

    Kinderarbeit ist ja auch “nur” ein Teil des Problems von Fast Fashion, genauso belastend ist die Umweltverschmutzung sowohl in den Produktionsländern (z.B. ungereinigte Abwasser in Flüsse geleitet verschmutzen das Grundwasser) als auch in den Empfängerländern (zunehmender Müll). Aus diesem Grund finde ich es gut, das man seinen Konsum überdenkt und zu Marken wechselt, bei denen man weiß, dass sie auf faire Löhne etc achten. Das kann nun Hermés sein, aber auch kleine Initiativen wie die SoleRebels aus Äthiopien, oder einfach den Schneider um die Ecke. Das Internet ist diesbzgl ja eine echte Bereicherung und verbindet die Welt auch immer im positiven Sinne.

    Ich weiß auch nicht, ob die Macht des Konsumenten in dieser Hinsicht überschätzt wird. Wenn die Kinder nicht nähen, gehen sie vielleicht in die Ziegelfabrik oder arbeiten als Kellner im Restaurant. Solange die Politik und ihre exekutiven Strukturen in den Ländern nicht tragen, können wir von hier aus recht wenig machen. So zumindest mein Eindruck.

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      Liebe Berit,

      danke für Deinen Kommentar!
      Dass das keine Alternative ist, da sind wir uns einig. Aber wir vergessen den Werdegang der zivilisierten westlichen Welt! Die USA hat erst ab 1938 teilweise die Kinderarbeit verboten, Südkorea, Japan, Hong Kong oder Singapur hatten noch vor 50-60 Jahren Kinderarbeit… so lange ist das jetzt nicht her! Die armen Länder brauchen Zeit, damit sie sich entwicklen können und sich es leisten können, Kinderarbeit abzuschaffen.
      Umwelt: auch hier dürfen wir nicht vergessen, wann in Deutschland die Umweltpolitik Einzug gehalten hat. Wie viel haben die westlichen Länder an Umwelt zerstört seit der Industrialisierung? Wie viel verbraucht ein Österreicher mehr als ein Bangladescher?

      Liebe Grüße,
      Anna

      1. hmmm, Umwelt Politik in D oder A…Perhaps we should learn that very often, “umwelt politik” auf Deutsch, French or Dutch (just examples) means: move the dirty production to poorer or very poor, undeveloped countries and let them deal with polluted water, air, soil and so on. I strongly recommend some documentary movies. Start with “Plastic planet” and read more about the consumerism and “fast fashion”. Turn on critical thinking and switch off proxy propaganda media. They often write in western media about trolls employed by Putin. Why don’t they mention about ARMY of trolls employed by Merkel & co?!…

  2. Sehr ehrliche Worte. Ich war erst vor kurzem in Kambodscha. Die Entwicklung hat dort erst vor ein Paar Jahren angefangen. Und du hast Recht – alles braucht seine Zeit.
    Ich habe mich in das Land verliebt! Und ich wünsche mir, dass es dort sehr bald den Menschen besser geht. Wir haben dort viele Kleinigkeiten gekauft um den Menschen Freude zu machen. Weil ich finde, dass es viel netter ist was zu verkaufen, als betteln zu gehen. So verlieren die Menschen dort nicht ihr Gesicht.

    LG Glamy.at – http://www.glamy.at -travel & lifestyle blog

  3. An den selben Aspekt habe ich auch gedacht. Natürlich könnte es drastisch schlimmer für die Arbeiter werden, wenn sie ihren Job verlieren, nur weil man helfen möchte und dieses Geschäft nicht mehr durch den Kauf unterstützen möchte.
    ABER, ich finde der wichtigste Aspekt ist und bleibt, dass die Produzenten den Millionen Gewinn in die eigene Tasche stecken, statt die Näherinnen ordentlich zu bezahlen! Warum? Damit die reichen Unternehmer noch reicher werden?! Und das auf Kosten der anderen.

    Wie die Politik in den anderen Ländern gerade ist, würde den Rahmen sprengen. Da das Thema für den Kommentar einfach zu lang werden würde.

    Außerdem habe ich auch letzte Woche erst einen Cashmere-Pullover von Max & Co. für 200€ gesehen. Ebenfalls made in Bangladesch. Mittlerweile scheint es auch Trend zu sein, überhaupt nicht mehr auf die Etiketten zu schreiben, wo es hergestellt wurde.
    Man weiß einfach nicht wie man helfen kann. Aber wie gesagt. Bewusst einkaufen ist der erste große Schritt.

  4. Roxana, I noticed it too. The lack of information about the manufacturing place, what is worse the same with food products! You would not like to know how much got the worker from this €200:( It’s one of the cheapest countries to manufacture.

  5. Schön, dass auch du auf dieses Thema aufmerksam machst.
    Aber deine Argumentation kann ich nicht ganz nachvollziehen.
    Natürlich ist dieses aufgezwungene Missionieren kontraproduktiv. Aber irgendwie verständlich. Immerhin haben die Näher*innen meist (noch) keine Stimme. Am Sonntag habe ich “The True Cost” gesehen, sehr empfehlenswert. Eindringlich appelliert eine Näherin, dass sie nicht mehr möchte, dass wir im Westen Kleidung tragen, die mit ihrem Blut hergestellt worden sind. Ja, wir schaden anderen Menschen mit unserem Konsumverhalten! Dürfen wir das tolerieren? Oder muss man da nicht auch eingreifen – genauso wie ich eingreifen würde, wenn jemand ein Kind auf der Straße schlägt? Da braucht es wohl Fingerspitzengefühl.
    In den Kommentaren sprichst du davon, dass die Länder sich eben entwickeln müssen – aber müssen sie das? Und wenn ja, müssen sie dann die gleichen Fehler wie andere Länder machen oder kann man nicht bereits aus Fehlern erworbenen Wissen weitergeben?
    Im Endeffekt habe ich persönlich mehr Verständnis für Menschen, die dem Schein des Reichtums erliegen, wenn sie sich 5 Shirts bei Primark für 12 Euro kaufen, als Menschen, die für Shirt einer vermeintlichen Luxusmarke, dass u.U. unter nicht viel besseren Produktionsbedingungen hergestellt wird (sondern z.B. nur aus qualitativ hochwertigeren Stoffen besteht oder eben der ganze Unternehmsetat in die Werbung geht) 60 Euro ausgeben, obwohl es ökologische & faire Shirts für wesentlich weniger Geld gibt.

    1. Post
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      Liebe Ulli,

      vielen Dank für Deinen Kommentar!
      Ich habe übrigens im Jänner bereits auf “The True Cost” aufmerksam gemacht…

      Jemand schlägt ein Kind auf der Straße: eindeutiger Fall, es gehört zur bürgerlichen Pflicht einzugreifen. Wir können die Konsequenzen genau abschätzen.
      Jemand arbeitet in schlechten Bedingungen. Ist das ebenso eindeutig? Ich denke nicht! Denn hier gibt es unsichtbare Dritte! Wer könnte das sein? Zahlst Du der Näherin mehr, gibt es weniger für andere potentielle Näherinnen, kaufst Du überhaupt bei den Marken nichts mehr ein, verdienen sie alle nix! Kaufe ich ein Koffer von Louis Vuitton für 5000 Euro, kriegt der Koffermacher relativ viel Geld, aber dafür viele andere nix.
      Am Ende sollte es der faire Markt sein, der entscheidet. Jeder Nachfrager, der sich für etwas entscheidet, entscheidet sich auch automatisch GEGEN etwas. Wenn wir aber, wie Du meinst, uns irgendwo einmischen, verzerren wir das Ganze. Und ich persönlich gebe offen zu: ja, das alles ist viel zu kompliziert, um eine einfache Empfehlung abzugeben!

      Entwicklungsländer müssen nicht die gleichen Fehler machen, sie haben den großen Vorteil von den anderen zu lernen. Aber mein Wunsch ist, dass diese Länder SELBST entscheiden, ob sie von den Fehlern anderer lernen wollen oder eben nicht.
      So ein Gedankengang führte auch dazu, dass der Westen meint(e), dass Demokratie für Libyen und Irak das richtige Mittel ist…

      Liebe Grüße
      Anna

  6. Oh, “democracy” for those countries is one more story….Western politicians do not want to understand that one system cannot work for all. It doesn’t even work in Europe any more. Democracy became an empty slogan!

  7. Ich begreif einfach nicht, warum genau du jetzt diesen Artikel rauslässt? Es geht auf diesem Blog einfach fast nur um Konsum(wahn). Und nein, das ist kein Neid. Oder vllt doch, aber ein bisschen anders: Ich wünsche mir eher viel Geld um etwas zu bewirken können. Und nicht, um die neuste LV-Kollektion zu ordnern.

  8. Pingback: Es gibt so viele gute Menschen - Part 2 - Mangoblüte

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