51

Back to the roots

Personal

Als ich vorvorgestern nach Chelybinsk geflogen bin, sassen nur 24 Passiere mit mir im riesigen Flugzeug. “Hm, Chelyabinks scheint nicht so beliebt zu sein” dachte ich mir. Nach einem angenehmen, vierstündigen Flug mit Ural Airlines holte mich mein Cousin ab, der mich sehr herzlich begrüßte – das letzte Mal haben wir uns vor 7 Jahren gesehen. Noch am selben Abend fuhren wir beide zu meinen Großeltern und ich überraschte sie. Mein Cousin hat sein Versprechen gehalten und niemanden erzählt, dass ich komme. Oma und Opa waren sehr erfreut mich zu sehen und haben mich nicht im Hotel übernachten lassen. “Das ist doch auch dein Haus! Du schläfst hier, basta!” sagte Opa und begann das Sofa im Wohnzimmer zum Bett umzuwandeln. Später gab es noch in der Küche Tee, Butterbrote (Brot mit Wurst ohne Butter) für Oma und mich, Rotwein für Opa und ein langes Gespräch bis Tief in die Nacht. Die fünf Stunden Zeitunterschied machten es mir schwer einzuschlafen, aber ich habe mich so wohl und glücklich gefühlt.

Dieses Haus gibt es schon seit 58 Jahren, meine Großeltern leben hier genauso lang in dieser Wohnung und sind auch genauso lang verheiratet und glücklich. Meine Mama und mein Onkel sind hier aufgewachsen, dann lebten meine Mama und mein Papa mit meinem Bruder und mir hier zusammen mit den Großeltern, dann zogen wir weg und mein Onkel, Tante und deren Kinder zogen ein und später wieder aus. Seit mehreren Jahren haben meine Großeltern die Wohnung nur für sich allein. Nun rennen meine zwei Neffen im selben Flur herum, wo ich mal als kleines Mädchen rumgekrabelt bin. Die Wände hier haben mehrere Generationen miterlebt und die Wohnung hat sich in all den Jahren nur wenig verändert.

Am nächsten Tag, 8. März – Muttertag und Omas 80. Geburtstag haben wir mit Tee und einer selbst gemachten Kirschmarmelade aus dem eigenen Garten von der Datscha gefrühstückt. Nach dem Frühstück zeigte mir Opa alte Fotos und den Stammbaum, den er mal gezeichnet hat aber nun muss er einen neuen malen, da der alte nicht mehr stimmt und wir uns vermehrt haben. Damals war ich noch die Jüngste am Baum.

Danach fingen wir an zu kochen. Schließlich wollen 8 Gäste, 2 Kinder und wir am Abend satt werden. Zuerst wurden alle Zutaten für zwei “Schichtsalate” kleingeschnibbelt und Oma hat den Käse, Huhn, Gemüse etc. Schicht für Schicht eingeschlichtet wie bei einer Lasagne. Später bin ich mit meinem Opa in das “Keller Magazin” gegangen, welches sich auf der anderen Seite des Hauses befindet und jeden Tag bis 21h offen hat. Dort gibt es Brot, Milch, Fleisch und andere Basiszutaten. Opa verriet mir dann, dass er eigentlich mit mir in den Blumenladen gehen will und ich soll ihm helfen, für Oma einen schönen Blumenstrauß auszusuchen.

Russen lieben es Blumen zu verschenken und somit gibt es hier auch an jeder Ecke Blumengeschäfte. Bei unserem mussten wir 15 Minuten draussen warten, weil die Schlange so groß war. Man fängt sofort mit den Wartenden zu plaudern an, gratuliert den Frauen zum Muttertag.

Wir nahmen den schönsten Blumenstrauß, den es dort gab und Opa stolzierte stolz mit mir nach Hause “Aber verrate Oma den Preis nicht” und übergab voller Liebe den Blumenstrauß meiner Oma. Großeltern können ja so süss sein!
Am Nachmittag haben wir angefangen den Tisch zu decken und Stühle, Teller, Besteck und Gläser für 13 Leute vorzubereiten. Ich wechselte ab zwischen Stühle tragen und Geschirr abwaschen.

Später war der riesige Fisch dran. Er musste in Filets geschnitten werden, aber Opa fand das passende Werkzeug nicht (Messer reichte für die dicke Wirbelsäule des Fisches nicht aus) und so musste eine Säge herhalten. Der Anblick war göttlich, wie Opa schimpfend den Fisch gesägt hat! :D

Immer wieder klingelte das Telefon; Glückwünsche für die Oma.

Opa hat es noch nebenbei geschafft, faschierte Laibchen für das Mittagessen zu machen, während ich Kartoffeln geschält und gekocht habe.

Mittagessen und danach Ruhepause – ich hatte ein wenig Zeit mich in der Wohnung umzuschauen und entdecke viele Sachen, die ich in der Schule gebastelt habe, bzw. Fotos von Familienmitgliedern und alte Spielsachen von mir. Opa nutzte die Zeit und hat weibliche Verwandte und Freunde angerufen, um zum Fest zu gratulieren.

Am späten Nachmittag kommen langsam die Gäste und helfen mit, trinken Tee, spielen mit den Kindern und unterhalten sich über Putin. Die Frau von meinem Cousin hat eine Torte mitgebracht mit den Worten “Oma du sollst 100 Jahre alt werden und wissen, dass es keine bessere als dich gibt” – natürlich reimt sich das auf Russisch.

Alle sind da, Fisch ist im Ofen und man kann nun mit den Vorspeisen beginnen.
Männer trinken Vodka und Cognac, Frauen Weisswein. Schüsseln werden von Person zu Person gereicht und Salate und andere Vorspeisen werden auf den Tellern verteilt. Es ist erstaunlich wie viel Brot hier gegessen wird! Auch wenn man Kartoffeln oder Nudeln isst, Brot gibt es immer dazu!

Die jüngsten Frauen kümmern sich um die Küche, Nachschub und saubere Teller; Männer sorgen sich um die Getränke und Kinder zählen Gedichte auf, Geschenke werden verteilt.

Jeder am Tisch hebt einen Toast auf die geliebte Oma und spricht über Dinge, die er mit ihr verbindet.
Nach dem Essen essen wir Torte und trinken Tee aus Wien, Frauen räumen den Tisch ab, eine wäscht das Geschirr, die andere trocknet, und die letzte räumt die Teller ein.

Kurz nach 12 gehen die erste Gäste und ich muss leider auch gehen, denn jetzt übernachten meine Cousine und ihre Familie auf dem Sofa und ich schlafe die Nacht im Hotel.

Am nächsten Morgen gibt es noch ein langes Frühstück, welches langsam in ein Mittagessen übergeht und die Gäste kommen noch einmal und die Männer trinken Vodka oder Rotwein. Ein wenig später muss ich leider schon los, mein Opa hat Tränen in den Augen, aber ich komme ja wieder!

Der Flughafen ist winzig! Es kann nur ein Flug nach einander abfliegen, weil es nur ein Gate gibt. 16 Passagiere fliegen dieses Mal nach Wien, die Flugbegleiterinnen erkennen mich wieder. “Es herrscht strengstes Rauchverbot an Bord während des ganzen Fluges und es dürfen keine alkoholischen Getränke konsumiert werden, ausser der vom Bordpersonal ausgeteilten Alkohol. Neben mir macht ein Russe eine Rotweinflasche auf und versteckt sie in einer Tasche. Ab und zu nippt er von ihr, wenn die Flugbegleiterin nicht zu sehen ist. Manche Klischees sind wohl wahr…

Ich habe die kurze Zeit mit meinen Großeltern sehr genossen und will im Sommer wieder kommen! Es ist schließlich meine Heimat. Seit 2006 bin ich zwar offiziell Österreichische Staatsbürgern, aber im Herzen werde ich ewig Russin bleiben.

Wir hatten nicht genug Vasen:

© www.mangobluete.com

 bloglovin

Comments 51

  1. was für ein schöner text!
    ist das stück fleisch in der schüssel eine rinderzunge? :) sieht richtig fies aus …
    am besten finde ich eigentlich die methode, mit der dein opa den fisch zerlegt! sehr professionell! ;)

    liebe grüße.

  2. oh man, wie süß! ich würde auch soo gerne wieder nach russland und die ganzen leute treffen, die ich als kind das letzte mal gesehen habe… abchillen mit großeltern kann manchmal soo viel besser sein als die angesagteste party, oder?

    xox Leni

  3. Unglaublich, so schön geschrieben! Da werden eigene Erinnerungen wach! :) Danke, dass du das mit uns geteilt hast. LG

  4. Hach, wenn ich das sehr vermisse ich meine russische Familie sehe, bei uns sieht es immer genau so aus…

  5. Ich hab den Eindruck dass dich der Besuch wieder auf den Boden gebracht hat! Erfrischender Post zwischen all dem “Ich liebe diese Tasche/den Nagellack etc.”

  6. Verwandtenbesuche können echt schön sein….
    Hab da aber mal eine Frage, Du bist doch sonst immer so viel unterwegs. Hat das einen bestimmten Grund, warum Du dann schon 7 Jahre nicht mehr in Deiner Heimat bzw. Deinen Großeltern warst?

  7. Wow, sieht der Stammbaum schön aus!!
    Dieser Post lässt dich sehr, sehr sympathisch wirken, vielen Dank für die Eindrücke!

  8. Mei, süß :) Ich kenne das, habe meine Familie in Bosnien jetzt ein Jahr nicht gesehen und vermisse sie ohne Ende!! Im Mai fahren wir dann endlich runter, ich freue mich wahnsinnig! Vorallem, dass unsere kleine Tochter zum ersten Mal ihre Urgroßeltern und ihre restlichen Verwanden kennenlernt :) Sie wird jetzt 5 Monate alt und wegen einer turbulenten Schwangerschaft, konnten wir leider nicht letztes Jahr hin :(

    Aber zum Trost bringt mein Cousin öfters sein Laptop zu meinen Großeltern und wir “Skypen” dann :)

    http://shopaholichousewife.blogspot.com/

  9. Glückliche Kindheiten scheinen überall mit den gleichen Werten verbunden zu sein, wie schön! Ich musste direkt nachsehen wo Chelybinsk genau liegt ;-) Die Idee mit dem Überraschungsbesuch und dieser Post machen Dich sehr liebenswert! Was mich noch interessieren würde; warum hast Du immer ein bisschen Angst wenn Du nach Russland fliegst?

    1. Naja die Flugzeuge der Airlines haben nicht so den besten Ruf, oft veraltet und nicht ordnungsgemäß gewartet. Ich hätte auch Angst ;)

  10. Der Text ist herrlich! Vielen Dank für den Einblick in deine Familie! Die Fotos sind großartig und helfen den Text noch lebendiger zu machen! Ich hoffe du musst das nächste Mal nicht wieder so lange warten um deine Großeltern zu sehen!!

    Kisses,
    Simone

  11. Das ist der schönste Beitrag, den ich von dir je gelesen habe! Ich musste an meine Großeltern denken, die leider verstorben sind und musste mich bei deiner Erzählung zusammenreißen, damit ich nicht weine! Sehr schön! Es war mal etwas ganz Anderes; sonst bist du ja andere Standarte gewohnt und dich dann in anderen, etwas naja, “ärmeren” Gegenden zu sehen, wo du dann nicht irgendwelche Luxuslebensmittel serviert bekommst, sondern selbstgemachte Torte usw., hat wieder ein ganz anderes Bild auf dich geworfen! Das macht dich sehr viel symphatischer!

  12. Warum halten die meisten von euch Anna für einen lediglich konsumorientierten Mensch ohne Gefühle und liebevollen familiären Hintergrund? Nur weil hier nicht jeden Tag solche privaten Beiträge veröffentlicht werden, heißt es nicht, dass diese Seite nicht existiert! Viele Leser vergessen leider immer wieder, dass auf Blogs nur ausgewählte Beiträge veröffentlicht werden und es in der Regel kein Tagebuch ist, das jede Facette des Privatlebens zeigt!
    Nach diesem kleinen rüffel an die vielen negativen und ignoranten Leser noch ein großes Lob an dich, Anna, denn ich lese Deinen Blog mittlerweile über ein Jahr und verpasse keinen Beitrag! Ich erfreue mich an den Geschichten über die du berichtest und ganz subjektiv gefällt auch mir die eine mehr und die andere weniger ;)
    Vielen Dank für die stets gute Unterhaltung, die nun wirklich nicht immer tiefgründig, gesellschaftskritisch oder bodenständig sein muss, denn dafür sind Lifestyleblogs auch nicht die richtige Adresse!

  13. Einerseits echt rührend,aber andrerseits frage ich mich, wieso du 6 Jahre nicht bei deiner Familie warst bei der du so lange gelebt hast,wo du doch so viel Zeit mit belanglosen DIngen verplemperst

  14. Das klingt als ob du eine tolle Zeit gehabt hast! Ich wünschte, ich würde meine Verwandten auch mal wieder sehen bzw. wieder sehen wäre gar nicht das Problem, leider kann ich ihre Sprache nicht und sie weder englisch noch deutsch, egal wie auch immer – vielen Dank für diesen wundervollen Post! Dein Text ist wirklich sehr gelungen, und ein Dankeschön natürlich auch, dass du diesen Moment mit uns geteilt hast!

    Ich hoffe du bist wieder gut nach Wien zurückgekommen,

    xxx Anita

  15. Ein sehr schöner Text, der dich wirklich sympathisch rüberkommen lässt! Ich habe das wirklich gerne gelesen! Familie ist was schönes!

  16. Da prallen ja zwei sehr konträre Welten aufeinander. Ob deine Großeltern abschätzen können in welchem Luxus du in Wien lebst, was du monatlich für Taschen, Klamotten etc. ausgiebst? Schreinbar ist auch dir das etwas unangenehm, denn sonst hättest du nicht deine bodenständigste Handtasche auf diese Reise mitgenommen.

    1. Und dann? Soll sie Ihren Großeltern einen monatlichen Betrag zukommen lassen? Wofür Anna ihr Geld ausgibt oder nicht ist doch ihre Sache. Ihr tut ja gerade so als ob ihre Großeltern in größter Armut leben und sie sie unterstützen MUSS. Dabei haben sie einen völlig normalen Lebenswandel und ich kann mir auch denken, das selbst WENN sie ihnen Geld anbieten würde, ihre Großeltern dies aus Stolz nicht annehmen würden, oder es sogar anmaßend fänden.

      1. wenn ich das ‘Fischmesser’ des Großvaters sehe, muss ich unweigerlich an das Hermés – Besteck denken….

        1. @n: hahahahahaha

          @all: Ich glaube nicht, dass die Großeltern arm sind oder zu wenig Geld haben um sich ein Messer zu kaufen – Ich glaube eher, dass sie bodenständig sind und für Kokolores wie Hermes-Besteck kein Geld ausgeben wollen – Großeltern eben !

  17. Ich schließe mich an: So schöner Text, hab es richtig genossen ihn zu lesen :)
    Deine Großeltern sind so süß und dein Opa kann so toll zeichnen, wirklich jetzt, er sollte vielleicht darüber nachdenken für Anthropologie zu arbeiten ;)
    Mein Freund fliegt auch jedes Jahr zu seinen Großeltern nach Russland und mit dem Trinken im Flugzeug hat er das auch so erlebt.
    So Torten sehen lecker aus, aber BEWARE mit Buttercreme meinen sie auch Creme aus Butter :D

  18. Wow, Anna das ist wirklich ein schöner Text – sehr interessant und toll geschrieben – und es ist sicherlich eine tolle Reise für dich gewesen!

  19. wirklich sehr schön geschrieben! :) ich habe selbst eine grosse familie und finde es immer wieder schön ‘heimzukommen’ auch wenn wir in alle himmelsrichtungen verstreut leben.

  20. Schön zu lesen und der Kontrast Deines Lebens und das, Deiner russischen Familie, könnte nicht größer sein. Wann lernst Du, dass das Glück nicht von 6000 Euro Taschen etc. etc. etc. abhängt… sondern es andere Dinge sind, die Glück bringen und die es zu ‘sammeln’ lohnt.. Frag Deinen Großvater…Und, Du hättest Deinen Freund, zu dieser Reise, mitnehmen sollen.

  21. Jetzt musst ich fast weinen, das war ein wirklich schöner Text. Der Stammbaum ist auch so liebevoll gezeichnet, erinnert mich sehr an meine DDR Kinderbücher! Der Zauberer der Smaragdenstadt hat ähnliche Karikaturen finde ich.

  22. Liebe Anna, die Erzählung über deine Reise hat mich sehr berührt. Nicht nur einfach wundervoll und interessant geschrieben, zeigt dein Text auch wie schön es ist eine Familie zu haben. Leider erlaubt es die Zeit oft nicht, seine Lieben so häufig zu sehen wie man möchte. Ich habe mir für die Zukunft auch vorgenommen, meine Familie öfter zu besuchen.

  23. Ein wunderschöner Blogpost. Man sollte immer wissen wo man herkommt und nur weil man schöne Taschen mag, heißt das ja nicht, dass man sich darüber definiert. Jeder Blogger ist auch nur ein Mensch und nicht alles möchte man öffentlich preisgeben, deshalb “Hut ab” für diesen persönlichen Blogeintrag!

  24. ein wunderschöner text und sehr persönlich. ich finde es sehr mutig von dir, dass du so etwas persönliches preis gibst und bei den erzählungen von deinem opa musste ich auch gleich an meinen denken ;)

  25. Wie man sieht kennt Anna auch bescheidenere Verhältnisse und ich glaube sehr wohl, dass sie zu schätzen weiß wie gut es ihr geht!
    Liebe Anna, ich freu mich für dich! Es ist immer so schön die Familie zu treffen! :-)

  26. danke anna, für diesen sehr persönlichen bericht. ich habe ihn mit neugieriger vorfreude gelesen, denn ich fliege morgen mit UTair erstmals so weit nach osten und freue mich auf eine tour durch drei große städte (perm, tjumen und ekatarinburg) und auf neue erlebnisse!

  27. Pingback: Welcome-Cookies « Mangoblüte | Life & Style Blog

  28. Pingback: My favorite Blog Posts | Mangoblüte

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *